Noch im letzten Jahr versprach ich hier, ich würde, nachdem ich es gelesen habe, meine Eindrücke und meine Meinung zum Buch von Ulrich Tilgner publizieren. Nun ist bereits wieder einige Zeit vergangen, seit ich es fertig gelesen habe und da ich Versprechen grundsätzlich einhalte, folgt nun der versprochene Erfahrungsbericht, mein persönliches Urteil, wenn man dem so sagen kann und will.
Die ganze Wahrheit
Grundsätzlich, das war auch genau das, was mich an diesem Werk angesprochen hat, beschreibt Ulrich Tilgner nicht nur detailreich und ungeschminkt, wie er die Zeit im Irak-Krieg, als Journalist und Berichterstatter vor Ort in Bagdad erlebt hat, sondern enthüllt auch überraschende und teilweise auch recht erschütternde Wahrheiten, was sich in diesem Krieg abgespielt hat. Er schildert zu allererst die Hintergründe, wie es zum Krieg kam, wie er «verkauft» und somit «legitimiert» wurde und zeichnet quasi Tag für Tag der ersten Kriegszeit nach. Es war, als würde der Krieg noch einmal nacherzählt werden, sehr klar und detailliert. Zum Nacherzählen hinzu kommen allerdings nun noch Erkenntnisse und Fakten, die zum damaligen Zeitpunkt, als sich die Ereignisse zugetragen hatten, noch gar nicht so weitergegeben werden konnten.
Die neue Waffengattung: Die Medien
Auch wenn es gewissermassen verständlich wäre, die Medienschaffenden, die Berichterstatter, welche uns während dem Irak-Krieg — und anderen Kriegen — die Ereignisse und Hitergründe zu schildern versuchten, für ihre teilweise verwirrenden und falschen oder gefärbten Informationen zu beschuldigen, wäre dies nicht grundsätzlich richtig. Das Buch von einem der erfahrensten Kriegsberichterstatter hat zeigt deutlicher den je, dass sich nicht die Frage stellt, ob man richtige oder falsche Informationen liefern will, sondern ob man es kann. Die Medien seien zu einer neuen Waffengattung geworden, meint Tilgner. Ein Grossteil der Aufgaben, die ein Journalist im Kriegsgeschehen zu bewältigen hat, besteht darin, die Informationen, die ihm geliefert werden, zu überprüfen. Und oftmals ist die Chance ziemlich klein, dabei ein sicheres Resultat zu erhalten. In vielen Fällen ist es kaum möglich, die Herkunft und die Richtigkeit der Nachrichten zu überprüfen. Sind sie manipuliert? Ist es pure Propaganda des einen oder anderen Staates? Entsprechend herausfordernd ist es denn auch, zum Beispiel in Live-Berichten die Lage zu analysieren und ein möglichst korrektes Bild der Situation zu zeichnen.
Beide Hauptfronten, die Amerikaner und die Iraker, in diesem Fall, steuerten die Bekanntgabe von Informationen sehr genau und verfolgten klare Strategien. Es war an der Tagesordnung, dass den Journalisten, mit Vorliebe natürlich den grossen Sendern, absichtlich falsche oder manipulierte Informationen zugespielt wurden. Von offizieller oder aber auch aus angeblich inoffizieller Quelle. Das Ziel war der Krieg und den Krieg zu beeinflussen. Es ging dabei nie darum, die Wahrheit preiszugeben. Auch wenn ein Journalist, und so würde ich Tilgner einschätzen, von ganzem Herzen alles dafür tat, ein möglichst wahrheitsgetreues und politisch neutrales Bild zu vermitteln, konnte ihm das längst nicht immer gelingen. Im Gegenteil. Oft wurden solche Leute regelrecht missbraucht. Und wenn sie dies merkten, dann erst im Nachhinein. Als sie nichts mehr daran ändern konnten.
Neutral — und zurückhaltend
Die Art und Weise, wie der Autor die Wahrheiten aufdeckt und Unwahrheiten entlarvt ist sehr bedacht gewählt. Aussagen und Tatsachen sind sehr neutral formuliert, politisch korrekt, würde man dem wohl sagen. Und in vielen Fällen wirken solche Formulierungen und Aussagen auch mich auch sehr zurückhaltend. Als wolle er niemandem zu nahe treten.
Klar, so kann ihm niemand vorwerfen, er wolle damit seine persönliche Sicht oder seine negativen Gefühle einzelnen Organisationen oder Personen gegenüber oder gewisse Erlebnisse verarbeiten. Allerdings wird so auch nicht ganz so einfach klar, wer nun was zu verantworten hat. Irgendwie kommen alle recht gut weg. Der Krieg war halt einfach ein historisches Ereignis und es wurde berichtet, was abgelaufen war oder was eben auch nicht. Punkt. So wirkt das in meinen Augen.
Kein klares Fazit, kein abschliessendes Wort. Als ich auf der letzten Seite angelangt war, konnte ich kaum glauben, dass das Buch schon fertig ist. Nicht, weil es enorm packend und spannend wie ein Thriller geschrieben wäre, sondern weil ich irgendwie noch mehr erwartete.
Nicht nur schlecht, das Werk, den Schluss, so zu planen. Aber aus meiner Sicht tendenziell übervorsichtig. Ich wage dem für einmal so zu sagen. Ich mag es, wenn klare Aussagen gemacht werden. Gemacht werden können.
[+] Artikel vom 29.12.07
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